Warum wir alle (und nicht nur die Grünen) das Prinzip der Doppelmoral an den Tag legen.

Ja, ja. Die Grünen und das gute alte Verhaltensparadoxon. Wenn auf Worte keine Taten folgen. Wie schrieb das Handelsblatt kürzlich so treffend?

“Die Grünen haben nicht nur eine Moral, sondern sogar zwei. Nämlich eine Doppelmoral.” (Sigmund, Handelsblatt, 2021)

Es ist einfach die Grünen der Doppelmoral zu beschuldigen, da sie sich in so vielen Punkten selbst wiedersprechen. Sei es das Kommunizieren von bedingungsloser finanzieller Transparenz1 an die sich nicht gehalten wird oder das Einschränken von Flugreisen, obwohl man selbst gerne ganz alternativ in Entwickungsländern Urlaub macht2. Selbst mit dem SUV fährt der Grünen Wähler gerne3. Ganz verrückt wurde es als Anton Hofreiter Anfang des Jahres den Plan unterstützt hatte den Bau von Einfamilienhäusern einzuschränken. Warscheinlich wohnt er selbst in einem. Vor allem in Pandemiezeiten in denen Familien von viel Platz und einem kleinen Garten nur träumen können ist diese Aussage maximal schlechte Presse. Gleichen Grund zur Aufregung boten 2019 Claudia Roth4 und Cem Özdemir5. Die beiden vereisten unabhängig voneinander in exotische Länder. Ob sie dort wie Greta Thunberg mit dem Segelboot hingefahren sind? Aber ist ja alles wegen dem Klima und so.

Das Problem an der Sache ist eben: Wenn man schon vorgibt Moralapostel zu sein, dann sollte man so auch auftreten.

Daher wird unschlüssig und inkonsitentes Verhalten bei den Grünen in geringster Ausprägung direkt abgestraft wohingegen bei der CDU alle schon akzeptiert haben, dass dort viele korrupte Machthungrige auf einem Haufen sitzen. Zum Beispiel könnte man den Eklat um Philipp Amthor6 als Anzeichen dafür sehen sich nun bewiesen zu haben und erfolgreich die Aufnahmeprüfung in die CDU Topliga bestanden zu haben. Ich meine es wäre ja auch komisch, wenn ein Top-Politiker der CDU nicht einmal in seinem Leben so richtig korrupt war, oder?

Was von der CDU im großen Stil schon erwartet wird, wird bei den Grünen nicht einmal im geringsten gedultet. Wobei Spahn, Scheuer oder Scholz sich nur ins Feustchen lachen können. Die würden für die Skandale der Grünen morgends nicht einmal aufstehen. Geht ja auch um viel zu wenig.

Was ich damit sagen will ist, dass wir von unterschiedlichen Meinungsvertretern unterschiedliches erwarten und entsprechend selbst dabei mit zweierlei Maß messen. Je nachdem, ob uns ein Politikergesicht sympathisch ist oder nicht sieht man über Skandale und Gesetzeswidrigkeiten hinweg.

“War ja bestimmt nicht böse gemeint von dem Jungen, er ist ja noch so jung. Haben wir nicht alle früher mal Faxen gemacht?”

(Oma aus Meck.-Pom. – Hat Verständnis für den Jungen Amthor)

Natürlich muss man fairerweise wiederholen: Wenn sich eine Partei auf eine bestimmte Art und Weise nach außen hin präsentiert, dann sollte sie dem Image auch gerecht werden. Von der CDU erwartet man eben nichts anderes, da ist man positiv überrascht, wenn diese sich für die Bürgerbelange einsetzen. Wohingegen bei den Grünen man penibel nach Fehlern sucht, da sie ja sonst zu moralisch anständig sind. Wie langweilig.

Ich bin kein Grünenwähler, aber allein die Grünen der Doppelmoral zu beschuldigen ist auch nicht richtig. Sie steckt in uns allen und ist nur menschlich. Im folgenden nenne ich drei Gründe, die meiner Meinung nach erklären, warum wir eigentlich alle so oft Wasser predigen und Wein trinken.

Die Außenwirkung

Jeder und das meine ich, so wirklich jeder hat zu vielen Themen zwei Meinungen. Eine Öffentliche und eine Private. Wir tun das, da sie unserem Selbstschutz dient, wenn wir nicht wissen wie wir in bestimmten Momenten zu Fragestellungen reagieren sollen. Vor allem auf der Arbeit kann man nicht immer einfach mit der eigenen, gegebenenfalls sehr kontroversen Meinung ums Eck kommen.

Angesteller: “Ich finde ja, dass weniger Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen werden sollten. Die belasten nur unnötig den Wohnungsmarkt. Wegen denen wird alles so teuer.”

Kollege: “Bist du Rassist?”

Angestellter: “Nein, nein, ich mache mir nur Sorgen über die Entwicklung des Wohnungsmarktes.”

Kollege: “Ooookaaaay…”

Dünnes Eis, ganz dünnes Eis. Je nachdem wie reflektiert das Gegenüber ist kann man mehr oder weniger stark in den Diskurs gehen. Jedoch, und das wissen wir alle, lohnt es sich durchaus mit der eigenen privaten politischen Meinung hinter dem Berg zu halten, wenn das Umfeld nicht sicher ist. Daher, um einem bestimmten Image nach außen hin zu entsprechen wird die Meinung vertreten, die am ethisch und moralisch Korrektesten ist. Dann kann einem schon keiner ans Bein pinkeln. Machen neben den Grünen übrigends andere Firmen und Organisationen nicht anders. Fake it until you make it. Ein Verstoß ist eh schnell wieder vergessen.

Ich, Unverbesserlich

Moralaposteln spielen auch die, die sich grundsätzlich nicht mit der Masse identifizieren und sich selbst einen anderen Posten oder Status in der Gesellschaft zuschreiben. Man nimmt eine besondere Position ein, die von den Gesetzen und Regeln ausgenommen ist, da man “Wichtigeres” zu tun hat. Die Anderen haben zu folgen. Man selbst muss ganz selbstlos gegen die moralischen Vorgaben verstoßen, um die Welt zu retten.

Ja, in der Tat, das ist auch eine spannende Strategie der Grünen. Winfried Kretschmann zum Beispiel rechtfertigt so mit dem Hubschrauber von Termin zu Termin zu fliegen “Wie soll man denn sonst die ganzen Termine schaffen”. Nun ja, man könnte die Termine auch anders legen. Dann müssten eben alle Termine in und um Stuttgart stattfinden. Das gibt auch den Anlass den öffentlichen Nahverkehr oder die Fahrradwege auszubauen. Wenn er nämlich anfängt selbst damit zu fahren, merkt er hoffentlich wie beschissen organisiert dieser ist.

Aber wie gesagt die Grünen sind ja nicht an allem Schuld. Und so kommt es auch bei uns vor die eigenen Bedürfnisse über die der Anderen zu stellen. Hier würde ich auch gerne wieder mein Lieblingsthema aufgreifen, das Vereisen. Grundsätzlich ist Reisen im Kontext von Klimawandel und co. ein sehr emotionales Thema. Vor allem wir Deutschen wollen eigenlich nicht weniger Reisen. Man achtet dann eben an anderer Stelle aufs Klima…Was auch spannend war, wie viele Deutsche sich für die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Corona-Virus in Umfragen ausgesprochen haben. Bei erster Gelegenheit sind diese aber sofort wieder in den Urlaub geflogen. Logik?

Wer sich über andere stellt und somit das eigene Verhalten rechtfertigt, dem empfehle ich ein wenig philosophische Literatur von Immanuel Kant. Er hat dazu aufgerufen den eigenen Verstand zu nutzen und somit eigene Handlungen massentauglich zu rechtfertigen. Love this guy. Sehr lesenswert.

Soll schon erfüllt

Auch ist spannend zu beobachten, dass Moralaposteln selbst gegen ihre eigenen Prinzipien verstoßen, da sie annehmen “schon so viel für die Umwelt getan zu haben.” Da macht ein bisschen Fliegen oder Auto fahren doch nichts weiter aus. Es komme ja schließlich auf die Gesamtsumme an und jetzt sind auch mal die anderen dran. Das ist auch teilweise richtig. Denn ein bisschen Umweltschutz ist immernoch besser als gar kein Umweltschutz. Und ganz den Spaß will man ja auch nicht verlieren. Problematisch ist hier halt, wenn man bedingungslos Regeln durchsetzen möchte, die alle für immer in vielen Lebenslagen einschränken. Wer bedingungslos kommuniziert, muss auch bedingungslos handeln. Und das können die wenigsten.

Daher mein Tipp: Etwas allgemeiner kommunizieren und nicht rigoros mit dem Kopf durch die Wand Aussagen treffen. Kann man sich eh nicht dran halten. Dafür ist die Welt zu komplex. Wenn die Grünen in diesem Punkt in Summe etwas offener wären und teilweise auch wirtschaftlicher Denken würden bekämen sie sicherlich nicht ganz so oft aufs Maul.

Wir sind alle ein großer Haufen von Doppelmoralisten, die sich als Teil eines großen Ganzen vestehen und hin und wieder nicht so handeln wie wir es kommunizieren. Und genau da muss man ansetzen – bei der Kommunikation. Wenn differenzierter kommuniziert werden würde, dann müsste man sich nicht ständig der Doppelmoral beschuldigen lassen. Das eigene Verhalten zu überdenken hilft aber auch.

1 Handelsblatt (2021)

2 Ruhr today (2014)

3 Spiegel Mobilität (2021)

4 Tagesschau (2019)

5 Stuttgarter Nachrichten (2019)

6 Abgeordnetenwatch (2021)

Empfohlene Artikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.