Warum Social Media so unfassbar beschissen sein kann.

Nichts wird mehr geliebt und verteufelt wie das gute alte Social Media. Keine Erfindung der letzten Jahre hat uns so nah zusammengebracht und gleichzeitig so entfremdet. Nirgendwo steht Selbstliebe und Selbsthass in so einem nahen Zusammenhang. Social Media ist ein essentieller Bestandteil unseres Lebens geworden, dass die Vorstellung in einer Welt ohne soziale Netzwerke zu leben, völlig absurd erscheint. Die Welt, eine große Community, welche über Länder- und Kontinentalgrenzen hinweg in Verbindung steht. Jeder darf seinen Senf dazu geben, obgleich das Mitgeteilte an Dummheit nicht zu übertreffen ist. Es finden sich immer irgendwo mehr oder minder Zurechnungsfähige, die den Content gut finden.

Es steht außer Frage, dass die Erfinder von Social Media bahnbrechendes geleistet haben und somit Kommunikation per se neu erfunden haben. Mark Zuckerberg und co. sei dank stehen wir so intensiv wie nie im Austausch mit uns und unserer Umwelt. Jedoch, und das ist hier hauptsächlich meine Meinung, entwickelt sich Social Media immer weiter in eine Richtung, die einfach nur noch abgefuckt ist.

Sorry Leute.

Viel Dummheit auf einem Haufen

Neben den ganzen unfassbar bescheuerten Social Media Trends in denen Waschmittel-Pods in den Mund genommen (bekannt als Tide-Pods Challenge1) oder Zimt löffelweise gefressen wird, gibt es noch einen ganz entscheidenden Nebenaspekt zu berücksichtigen.

Man könnte ja mal nen Trend erfinden bei dem Weißheit mit Löffeln gefressen wird statt Waschmittel. Aber das wäre allen warscheinlich wieder zu langweilig…

Durch das über den Algorithmus gesteuerte Miteinander kommt man immer nur mit Gleichgesinnten in Kontakt. Nutzer mit einer Meinung werden in vielen Fällen stark unterstützt und sehen in ihrem Feed auch nur, was ihnen gefällt. Man wächtst in eine Umgebung rein, die geprägt ist von der Suche nach Anerkennung und Bestätigung. Dadurch entsteht eine soziale Blase in der man sich bestätigt und akzeptiert fühlt. Jedoch entspricht dieses Umfeld nicht der Realität. Es gibt auf der Welt viele verschiedene Meinungen und Wege zu denken und das eigene Leben zu leben. Die Menschen verlernen mit gesundem gesellschaftlichem Diskurs, so wie er auch in diesem Blog promoted wird, umzugehen. Sie verlernen sich mit der Meinung der anderen auseinanderzusetzen und diese respektieren zu müssen. Konstruktiv miteinander zu diskutieren wird dadurch immer schwieriger. Wer einem nicht passt wird geblockt, was einem inhaltlich nicht passt wird weggeklickt. Oder löst der Algorithmus von selbst.

Wenn man nur von Gleichgesinnten umgeben ist fördert das in Extremfällen auch extremes Gedankengut. Selbst wenn man sich normalerweise von bestimmten nicht-gesetzeskonformen Randgruppen distanziert, kann es sein, dass auf ganz subtile Art und Weise die eigene Meinung beeinflusst wird. Promt ist man in einem Abwärtsstrudel von Hassreden und ethisch fragwürdigen Nutzerkommentaren gefesselt und findet das womöglich auch noch gut.

Verblödet Social Media?

Wir erkennen also, dass Social Media unsere Fähigkeit zum selber Nachdenken massiv beeinflusst und versucht uns an jeder möglichen Stelle das Denken abzunehmen. Dass nicht nur Social Media selbst sondern auch andere technologische Erfindungen unseren IQ schrumpfen lassen können muss ich an dieser Stelle fairerweise anmerken. Um Belege zu liefern muss man tief, tief stöbern, um aussagekräftige Studien zu finden, welche zeigen wie sich Social Media auf die Denkfähigkeit von Menschen auswirkt. Es gibt solche und solche Aussagen. Je nach Jahr, Position der Forscher zu Social Media, Hang zur Selbstdarstellung und vielleicht dem Wetter fallen diese Studien mal zu mal für oder gegen Social Media aus. Daher langweile ich euch hier nicht weiter. Seid klug und versucht euch eure eigene Meinung zu bilden. Dann seid ihr immerhin schon denen überlegen, die dies nicht tun und widerlegt die These dumm auf Grund von Social Media geworden zu sein. Denkt mal drüber nach!

Danke bizzle bae fürs Mitdenken | Quelle: Twitter (2016)

Jobbezeichnung: Influencer

Es ist lobenswert, wenn junge Menschen schon früh wissen was sie werden wollen. Als ich noch ein Kind war wollten die meisten Tierarzt, Pilot, Astronaut oder Lehrerin werden. Teilweise gabs auch Antworten wie Königin oder Prinz. Würde mich mal interessieren, ob die das geworden sind. Wenn ihr das hier lest, dann dürft ihr euch gerne mal bei mir melden. Vielleicht schule ich auch noch einmal um.

“Also ich will mal Influencer werden”

13, denkt zukunftsorientiert

Durch Social Media gibt es mittlerweile auch konkrete Berufswünsche bei jungen Leuten, die eine Karriere als InfluencerIn verfolgen. Ich meine es ist den Leuten auch nicht zu verübeln. Wenn man überlegt wie viel Geld man mit der Tätigkeit (selbst als wenig bis mittelerfolgreicher) Influencer verdient, da schlackern langjährig Berufstätige aus anderen Branchen nur mit den Ohren. Früher ist man auch Pilot geworden wegen dem enorm guten Gehalt. Und heute ist das eben anders. Piloten sind nichts mehr wert, werden gegebenenfalls noch der Umweltverschmutzung schuldig gemacht und Influencer erobern die Welt. Ist ja klar, dass junge Leute dem nacheifern. Schlussendlich gilt auch hier wieder: Tu das, was für dich und deine ethisch und moralischen Grundsätze vertretbar ist. Jeder der kein Influencer ist, ist kein schlechterer Mensch oder weniger bedeutend in dieser Gesellschaft.

Manipulation vom Feinsten

Social Media manipuliert. Allein bei dem Wort “Influencer” gehen bei mir eigentlich schon die Alarmglocken an. Ich finde es krass, dass man freiwillig einen anderen Menschen als “Beinflusser” bezeichnet und akzeptiert, dass diese Person einen selbst sowie Abermillionen viele Menschen bewusst manipuliert. Wollen wir uns sonst nicht immer über Manipulation hinwegsetzen? Warum akzeptieren wir das auf Social Media?

Die Menschen schenken den Influencern viel Vertrauen. Gerade bei Produktempfehlungen setzen Nutzer auf die Expertise und das Erfahrungswissen ihres Manipulationsliebling. Man kann sich eine “Live” Präsentation des Produktes reinziehen, welche auf einem viel persönlicheren und gefühlt weniger kommerziellen Weg inszeniert wird. Die neue Form des Teleshopping eben. Aber so würde das doch keiner bezeichnen. Tztztzzz…Wie dem auch sei, ihr seid alle kleine Opfer, wenn ihr blind einer Person folgt und nicht selbst ein bisschen nachdenkt. Witzig ist, dass vor allem bei Beautyprodukten vieles auch im Drogeriemarkt und co. zum Selbertesten zu finden ist. Aber dann müsste man ja mal das Gesicht vom Bildschirm abwenden, das Haus verlassen und mal wieder am echten Leben teil haben. Und das ist nicht im Sinne der Nutzer und auch nicht im Sinne der Firmen.

In Liebe miteinander verschmolzen | Quelle: Miguel Porlan (NY Times 2018)

Denn wir bringen am meisten Geld, wenn wir so lange es geht vor den Geräten hängen und mit Werbung zugeschissen werden. Hauptsache es wird gekauft, gekauft und gekauft. Das ist ja auch schließlich deren Geschäftsmodell. Was denkt ihr denn warum der Spaß kostenlos ist. Ich als Produkt muss online sein, damit es sich für die Firmen lohnt dort Werbung zu platzieren. Diese Firmen haben schließlich viel Geld an Instagram, Tik Tok und co. gezahlt und wollen nun auch gesehen werden. Das einzige was die Social Media Firmen sicherstellen müssen ist, dass du so lange und so oft es geht die Anwendung nutzt. Das steigert nämlich die Warscheinlichkeit, dass gekauft wird. Und wie wir gelernt haben finden immer mehr beeinflussbare Menschen auf den Platformen zusammen und sind bereit zum Kauf.

Aber nicht nur bei Kaufentscheidungen werden wir beeinflusst sondern auch bei der Bildung der eigenen Meinung. Wer denkt er habe sich die eigene Meinung über Social Media und co. gebildet, sollte noch einmal stark nachdenken und reflektieren. Ist das Wahrgenommene wirklich die eigene Meinung oder nur dass, was auf dem Platformen kommuniziert wird? Ok, man muss den Betroffenen (mich eingeschlossen) zu Gute halten, dass auch nicht immer ganz klar ist, was man denn jetzt glauben kann und was nicht. Aber das macht das ganze Dilemma eigentlich noch schlimmer, da man weiß, dass die Info möglicherweise fake ist, es aber trotzdem glaubt. Weil irgendwas muss man ja glauben.

Social Media macht uns psychisch labil

Social Media kann psychisch krank machen. Und das ist nun wirklich kein Geheimnis. Ob die Nutzung der sozialen Platformen dumm mache, das ist, wie wir festgestellt haben, noch umstritten. Jedoch sind sich die Forscher wenigstens einig was die psychischen Belastungsstörungen durch Social Media angeht. Denn hier haben Studien festgestellt, dass ein Zusammenhang zwischen der Nutzung von sozialen Medien und Depressionen besteht. Selbst die Krankenkassen warnen vor zu viel Einfluss durch Social Media und das will etwas heißen.2

Aber warum macht Social Media eigentlich krank?

Nun ja, es ist eigentlich ganz einfach. Man vergleicht sich ständig mit seinem Umfeld. Ob die Vergleiche nun Sinn machen oder nicht, oder ob man die Hintergründe der anderen Nutzer kennt spielt in diesem Kontext keine Rolle. Es geht darum, schöner, besser, moderner, reicher und geiler zu sein. Man muss einfach richtig krass sein. Viele Likes bedeutet Bestätigung und da der Mensch allein durch die eigene Psyche nach Anerkennung strebt, ist es auch das, was ihn antreibt noch intensiver und selbstoptimierter aufzutreten. Ironisch ist, dass gekünstelte Kackscheiße mehr geklickt und geliked wird als pure, reale Beiträge. Schönheitsideale obgleich für Frauen und Männer werden zunehmends künstlicher und abstruser. Klar, kein Wunder durch die ganzen Filter und operierten InfluencerInnen. Was ist denn noch echt und was kann man glauben?

Es ist alles so miteinander verwoben: Manipulation, Täuschung, Inszenierung, Illusion, Prahlerei, uvm…und jeder will in diesem Spiel am besten, höchsten oder beliebtesten sein. Ich stelle mir das immer so vor wie lauter Alienzombies in einem Paralleluniversum nun blind irgendwelchen inhaltslosen Content konsumieren. Lustig ist, dass nicht nur ich mir das so vorstelle.

@David Alcala: Props gehen raus.

Social Media süchtige Alienzombies | Quelle: David Alcala (WIRED 2018)

In Maßen, nicht in Massen

Trotz der ganzen Social Media Kritik wird es die sozialen Netzwerke weiterhin geben und sie werden immer intensiver in unser tägliches Leben mit eingebunden werden. Schließlich hat es ja auch Vorteile mit vielen Menschen in möglichem Kontakt zu stehen und es offenbaren sich völlig neue Potentiale. Um ein Beispiel zu nennen hat sich das Recruiting in Firmen intensiv verändert. Soziale Netzwerke wie LinkedIn und Xing spielen sehr relevante Rollen und auch als Nutzer hat man Vorteile, da es schon vorkommt, dass man Jobs angeboten bekommt und angeschrieben wird. Wo man früher noch intesiv selbst suchen musste, haben sich im Zuge der digitalen Umstrukutierung auch Machtpositionen verlagert und die Business Social Media Nutzer können sich ihre Jobs aussuchen. Selbst, wenn man keinen Job angeboten bekommt, kann man über die Platformen die Bewerbung abwickeln. Man spart sich dadurch enorm viel Zeit.

Wie immer kann ich zusammenfassend sagen, dass jede Entwicklung Vor-und Nachteile mit sich bringt. Dazu möchte ich jedoch motivieren das eigene Social Media Nutzungsverhalten zu überdenken und sich zu fragen wie viel Konsum tatsächlich notwendig ist. Social Media ist wie Schokolade. Es macht Spaß, fühlt sich gut an, ist verführerisch, kann aber auch süchtig machen. Daher gilt, wie mit eigentlich fast Allem: In Maßen und nicht in Massen.

Tu das, was für dich und deine persönlichen Grundsätze vertretbar ist. Jeder, der etwas anderes macht, ist kein schlechterer Mensch oder weniger bedeutend in dieser Gesellschaft.

1Ich hab euch das jetzt nicht verlinkt, sonst kommt ihr noch auf dumme Gedanken.

2AOK (2021)

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2 Kommentare

  1. Dein sehr interessanter Beitrag erinnert mich an meinen Start bei der IBM in Vaihingen vor langer Zeit. Covid gab es natürlich noch nicht und ich wusste besonders mein Mentor beim Onboarding im daily f2f zu schätzen. Wir waren ein kleines junges dynamisches Team, das sich auch ausserhalb der Arbeitswelt privat getroffen hat. Das wusste ich als Zugezogener (Cannstatt) sehr zu schätzen 😃 Es gab damals auch noch nicht die endlosen Telkos jeden Tag. Insgesamt war das die beste Zeit in der Firma ever & ich war ganz schön lange da 🙂 Danach ging es für die Firma 2J nach Paris. Ich hoffe das ändert sich alles bald bei Dir und für Dich startet eine klasse Zeit dort! Be optimisstic!

    1. Hallo Ralf, danke dir für die lieben Worte! Ich war seit längerem nicht mehr hier online. Jetzt wo man wieder mehr verreisen kann (gott sei dank!), kommt der Blog etwas zu kurz. Ich freue mich sehr. In der Tat: Persönliches Mentoring und Treffen ist so unglaublich wichtig und es kommt leider immernoch zu kurz. Die Alternative ist dann Social Media oder virtuelles Meeting…hoffen wir das Beste! Liebe Grüße, Leonie

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