Warum du (k)ein Idiot bist, wenn du alles hinterfragst.

IdiotIN, Bildung

Den Titel kann man jetzt so oder so deuten. Ich will hier niemandem unterstellen ein heteronomer Idiot zu sein. Das wäre anmaßend. Ich will aber auch niemandem zugestehen es nicht zu sein.

I´m sorry.

In diesem Blog geht es darum kritisches Denken zu fördern und auch mal mit provokanten Thesen das Nachdenken anzuregen. Nichtsdestotrotz, gerade weil hier alles hinterfragt wird, kann man auch durchaus mal überlegen, ob es nicht manchal sinnvoller wäre nichts zu hinterfragen und einfach mit dem Strom zu schwimmen.

Mit dieser Überlegung reisen wir mal zurück in das 19. Jahrhundert. Der britische Naturforscher Charles R. Darwin hatte damals öffentlichkeitswirksam die These aufgestellt, dass nur die Anpassungsfähigsten überleben und nicht die Stärksten. Auch unter dem Ausdruck “Suvival of the Fittest” bekannt.1 Soweit so gut. Wir lernen davon, dass diejenigen, die am ehesten in der Lage sind sich an aktuelle Trends und Entwicklungen anzupassen überlebensfähiger sind. Aber was bedeutet das nun für uns als aufgeklärte, kritisch denkende Mitmenschen?

Mainstream ist existenziell

Menschen schaffen es seit Jahrtausenden am oberen Ende der Nahrungskette ihren Platz zu verteidigen, weil sie kooperieren und an gemeinsame fiktive Werte glauben. Schon damals beherrschte der Mainstream das Zusammenleben. Was alle machten sicherte das Überleben.

Aber mit der fiktiven Sprache können wir uns nicht nur Dinge ausmalen – wir können sie uns vor allem gemeinsam vorstellen. […] Diese und andere Mythen verleihen dem Sapiens die beispiellose Fähigkeit, flexibel und in großen Gruppen zusammenzuarbeiten. […] Und genau deshalb beherrschen die Sapiens die Welt, während Ameisen unsere Essensreste verzehren und Schimpansen in unseren Zoos und Forschungslabors herumhocken.

Yuval Noah Harari aus Sapiens – A Brief History of Mankind (2011)

Kooperation sicherte unser Überleben. Es ist daher nur natürlich der Masse zu folgen und die Verantwortung der Gruppe zu übertragen. Wer hat auch Bock einsam ausgeschlossen zu werden und elendig drauf zu gehen?

Mainstream gibt Sicherheit

Diese Verhaltensweisen zeigen sich noch heute. In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung hat ein Jugendlicher 2016 zugegeben, dass es der jüngeren Generation an Akzeptanz fehlt.2 Man solle sich Anpassen, wer dies nicht tut über den wird geredet. Nur das, was alle machen, ist das, was aktuell wichtig ist. Viele fühlen sich auch in der Gruppe wohl, wollen die Bestätigung anderer. Gerade als junger Mensch ist man noch auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft und da ist es umso wichtiger Halt zu finden und sich an etwas zu orientieren. Da ist es nur naheliegend sich nach dem umzusehen, was alle anderen auch tun: der Herde folgen.

Mainstream schafft Aufmerksamkeit

Was alle wollen, das kann nur richtig sein. Es geht schon los bei der Suche nach dem passenden Restaurant. Entweder man sucht auf Google nach dem mit den besten Bewertungen oder man schaut einfach danach, wo die meisten Leute sitzen. Positiv bewertete Lokalitäten ergattern oft weitere Zustimmung im Vergleich zu denen, die noch gar keine Rezension haben.

“Auf den Toiletten stinkt es nach Pisse und das Bier ist überteuert. Das ist hier schon seit Jahren so. Dafür ist der Laden bekannt! Aber wir kommen gerne wieder, hier ist immer was los.”

Andi, 28, ist für sein Leben gern Mainstream

Ich meine, wo er Recht hat, hat er Recht. Wir gehen alle gerne da hin, wo etwas los ist.

Mainstream macht erfolgreich

Ein weiterer Effekt des Mainstream ist, dass er erfolgreich macht, wenn viele Menschen angesprochen werden. Warum sind denn manche Menschen oder Institutionen so erfolgreich? Weil sie Produkte oder Dienstleistungen vertreiben, die genau den Bedürfnissen einer bestimmten Zielgruppe entsprechen. Wie dieses nette Produkt zum Beispiel.

Himmlische Jesusseife | Quelle: Amazon (2021)

Die Beichte nimmt sie leider noch nicht ab. Aber es fühlt sich immerhin sehr himmlisch an auf der Haut. Ich würde sagen das erklärt vielleicht, warum die Kirche so lange so erfolgreich war?

Mainstream ist glaubwürdig

Auch in der Wissenschaft und den Medien folgen wir dem Prinzip des Mainstreams. Ein Wissenschaftler bekommt mit seinen Forschungsergebnissen nur ausreichend Aufmerksamkeit, wenn er möglichst viele Veröffentlichungen hat und seinen Namen unter die Leute bringt. Zum Beispiel veröffentlichte der österreichische Arzt und Psychologe Sigmund Freud 1884 die berühmte Studie “Über Coca” in der er behauptete, dass man durch Kokain verschiedene Krankheiten, unter anderem Hysterie, Depressionen oder Verdauungsprobleme heilen kann.3 Freuds Empfehlungen verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und das Pharmaunternehmen Merck vertrieb die Droge in großem Stil.4 In kürzester Zeit wurden viele Menschen drogenabhängig und taten – “Über Coca” sei Dank – etwas für ihre Gesundheit. Wir Menschen brauchen einfach Bestätigung von der Aussenwelt, um uns selbst und unser Wissen besser einordnen zu können.

Die Grenzen des Mainstream

Wir neigen alle dazu etwas zu Glauben, wenn die Anderen es auch glauben. “Dann wird es schon irgendwie seine Richtigkeit haben.” Interessant wird es, wenn kontroverse Thesen verbreitet werden, die massenweise akzeptiert werden. 2014 organisierte ZDFneo ein Experiment unter dem Titel “Der Rassist in uns“, in dem 39 Menschen in zwei Gruppen unterteilt wurden, die Blau- und Braunäugigen. Der “Workshopleiter” erklärte den Braunäugigen, dass Menschen mit blauen Augen nicht die Intelligentesten seien und sie sollen in diesem Workshop überprüfen, ob das denn so sei. Es folgen Situationen von aktivem (gespieltem) rassistischem Verhalten des Workshopleiters. Kaum ein Teilnehmer schreitet ein. Die alte Leier: “Das wird schon irgendwie seine Richtigkeit haben.” Der Spaß kann also auch mal ganz besonders nach hinten losgehen. Manchmal lohnt es sich doch etwas mitzudenken.

Ob und wie viel Mainstream wir am Ende in unser Leben lassen, das muss jeder mit sich selbst und den eigenen Glaubensgrundsätzen ausmachen. Es ist nicht alles schlecht, was den Mainstream angeht. Er ist überlebenswichtig, gibt Sicherheit und kann stellenweise sogar sehr erfolgreich machen. Dass meist Individuen vom Mainstream profitieren ist ein kleiner paradoxer Nebeneffekt. Aber anyway! So sehr wir ihn auch hassen: Lang lebe der Mainstream!

1 Planet Wissen (2020)

2 Süddeutsche Zeitung (2016)

3 SWR2 (2020)

4 WirtschaftWoche (2021)

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