Warum das Erwachsenwerden (nüchtern betrachtet) betrunken besser klingt.

Endlich Freiheit! Raus von Zuhaus’, auf eigenen Beinen stehen, viele Studentenparties, lange Nächte, neue Leute, verrückte Konversationen, mittwochs ausschlafen und samstags bis 7 Uhr morgens feiern. Liberté, Fraternité, Egalité! Noch nie wurden die Inhalte aus dem Schulunterricht so sehr gelebt wie nach dem Abitur. Du bist grenzenlos. Auf, dass wir alle nie wieder nüchtern werden!

Doch die Ernüchterung tritt so schlagartig ein, so schnell hast du nichtmal alle drei Shots auf Ex getrunken. Du hättest so oder so davon gekotzt, also sei froh, dass dir wenigstens das vorerst erspart geblieben ist.

Du merkst, dass das Leben doch nicht so easy ist wie du es dir vorgestellt hast. Natürlich kann es sein, dass ausgerechnet bei dir alles easy lief, dann bist du in jedem Fall die Ausnahme. Oder du bist ein verwöhnter kleiner Scheißer bei dem ein bisschen Druck vielleicht doch nicht so verkehrt gewesen wäre. Aber wollen wir man nicht so sein. Alle haben es irgendwie schwer. Jeder auf seine Weise. Erwachsen werden ist halt einfach kacke, aber wir können es nicht verhindern.

Ich finde das immer so lustig, da ich mich selbst auch nicht als erwachsene Person sehe. Es sind immer die anderen. Man selbst übernimmt die Verantwortung, “wenn man dann auch irgendwann mal erwachsen ist”. Einer Bekannten ist das letztens passiert. Wir saßen zu dritt im Auto und sie meinte, sie würde sich um diese ganzen Erwachsenenthemen kümmern, wenn es dann soweit ist. Ihr Partner entgegnete ihr dann ganz trocken. “Du bist fast 30”.

Beklemmende Stille.

Daheim angekommen haben wir uns dann erstmal ein Schnäpschen gegönnt.

Wenn du feststellst, dass du bald 30 wirst | Foto: Pixabay (2021)

Die Zeit wartet nicht

So wenig überraschend es auch klingt, aber die Zeit wartet nicht. Und am wenigsten auf uns. Wir müssen alle irgendwann dran glauben. Auch, wenn wir es schwer glauben können. Paradox, aber ist so. Alles wird so lange wie möglich auf die lange Bank geschoben. “Mach ich alles morgen.” Und morgen ist dann wieder morgen und dann nächsten Monat und daraufhin nächstes Jahr und so weiter… Schließlich wird dann relativ spät festgestellt, dass man zu lange gewartet hat. Und was ist dann? Dann wird entschieden, dass es jetzt auch nichts mehr bringt. Game over. Egal, was es ist. Ich gebe dir den Tipp: Klingt zwar unsexy aber es hat noch nie jemandem geschadet zu früh mit einer Sache zu beginnen. Und ja, ich meine hier auch so leidige Themen wie Altersvorsorge und co. Einfach mal in sich gehen und überlegen, was man für sich selbst und die Zukunft so vor hat.

Kein Welpenschutz

In der Phase des Heranwachsens genießen die meisten den sogenannten Welpenschutz. Das bedeutet, dass für neue Aufgaben, die dem jungen Menschen übertragen werden, zu Beginn das ein oder andere Auge zugedrückt wird. Die Älteren bringen Verständnis auf, dass die Heranwachsenden noch etwas lernen müssen. Vor allem in Finanzfragen wird dem ein oder anderen noch intensiv unter die Arme gegriffen. Ganz im Gegenteil, wenn man auf eigenen Beinen stehen soll. Auf einmal stellt man fest, für was man eigentlich alles bezahlen muss. Was vorher selbstverständlich genutzt wurde, kostet auf einmal Geld. Selbst die abgeranzte Eckcouch oder das billigste Scheißhauspapier. Alles kostet Geld. Ohne Geld kommt man eben nicht weiter. Und dann wirds unbequem. Du kannst nur hoffen ausreichend Geld zu besitzen oder jemanden zu kennen der dir genug davon gibt. Wenn das alles nicht auf dich zutrifft, dann ist die Zeit reif. Du musst die Welpenschutzphase verlassen und den Wölfen vor die Füße springen. Möge der oder die Stärkste gewinnen.

Zwischen Gefühlstod und Emotionschaos

Eine weitere Herausforderung des Erwachsenwerdens ist, dass man sich im Vergleich zu früher viel mehr mit aufwändigen, staubtrockenen Verwaltungsangelegenheiten herumschlagen muss. Das kann ohne entsprechende Vorkenntnisse auf den ersten Blick zum inneren Gefühlstod führen. Aber auch das Gegenteil kann eintreten: Man verzweifelt emotionsgeladen an den Hürden der deutschen Bürokratie. Steuererklärung und co. stehen vor der Tür und wollen von dir bearbeitet werden. Krankenversicherung hier, Haftpflichtversicherung da. Richtig erwachsen bist du geworden, wenn du dich dabei erwischst mit voller Überzeugung Kritik am vielgehassten Rundfunkbeitrag zu äußern. “IST DER SCHON WIEDER UM 20CT GESTIEGEN ?! UNMÖGLICH!”

Ja, in der Erwachsenenwelt gibt es auch viel Drama. Es äußert sich nur eben auf andere Art und Weise.

Innerer Gefühlstod nach zu vielen Verwaltungstätigkeiten | Foto: Pixabay (2021)

Ich könnte noch sehr lange weitere Gründe aufzählen warum das Erwachsenwerden schwer und der Konsum eines kräftigen Kartoffelschnapses manchmal unausweichlich ist. Doch leider müssen wir da alle durch. Und so schlimm ist es dann auch wieder nicht. Jedoch gilt erfahrungsgemäß: Je länger die Liste, desto mehr Schnäpse werden getrunken. Und da ich drei Gründe genannt habe, die das Erwachsenwerden nüchtern betrachtet betrunken besser aussehen lassen, wird es an der Zeit sich den ganzen Spaß wieder schön zu trinken. Also nimm dir die drei Shots aus der Einleitung und kipp sie dir hinter die Binsen. Das hilft kurzfristig für eine gute Zeit. Denn eins steht fest: Abkotzen wirst du beim Erwachsenwerden so oder so.

Prost!


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